Führungskultur : „Das Thema Gewaltprävention ist uns wichtig!“
„Null Toleranz bei Gewalt“: So der Name des Präventionskonzeptes des Landratsamtes Rastatt sowie einer gleichnamigen Projektgruppe, die 2023 ihre Arbeit aufnahm – und zahlreiche Schutzmaßnahmen erfolgreich anstieß und implementierte. Dafür wurde das Landratsamt mit dem Präventionspreis der Unfallkasse Baden-Württemberg ausgezeichnet. Aktuell läuft eine öffentlichkeitswirksame Präventionskampagne mit dem Claim „Gerne im Dienst? Mit Sicherheit“, in der Beschäftigte des Landratsamtes für Gewaltfreiheit werben.
Herr Prof. Dr. Dusch, können Sie das Thema Gewaltprävention im Landratsamt Rastatt und die verschiedenen Maßnahmen kurz skizzieren?
Wir gehen Gewaltprävention unter dem Claim „Null Toleranz bei Gewalt“ wie ein Mosaik an. Die Kampagne „Gerne im Dienst? Mit Sicherheit“ ist ein Teil davon. Mit dieser Kampagne wollen wir die Menschen direkt ansprechen – mit Inhalten, die unsere Kolleginnen und Kollegen transportieren können. In kurzen Clips soll vermittelt werden, dass wir alle, die hier arbeiten, ganz normale Menschen sind. Uns ist klar, dass sich nicht alle davon beeindrucken lassen werden, aber es geht darum, zu sensibilisieren. Parallel arbeiten wir an zahlreichen konkreten Maßnahmen zur Gewaltprävention. So wird zum Beispiel aktuell der Eingangsbereich umgestaltet. Wir schaffen die Möglichkeit, das Gebäude im Notfall schnell zuzumachen. Das Gebäude des Landratsamtes wurde in den 2000er Jahren gebaut und als offenes Haus konzipiert. Doch in den letzten Jahren gab es Vorfälle, durch die wir realisieren mussten, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben.
Was für Vorfälle waren das?
Zum Bespiel ein Vorfall bei einer Fachsitzung: Auf einmal kam eine Person in den Raum, die niemand kannte, nahm einen Stuhl und warf ihn auf eine Kollegin. Ein anderes Mal betraf es das Jugendamt, es ging es um den Umgang mit Kindern. Die Mutter wollte ihre Vorstellungen durchsetzen und hat eine Kollegin an der Hand verletzt. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich mit einer Person, die mit zwei Messern zum Landratsamt gelaufen kam, weil sie mit einem internen Vorgang nicht einverstanden war. Da wir durch eine andere Person vorgewarnt wurden, die den Mann beobachtet hatte, konnten wir das Haus rechtzeitig abriegeln und die Polizei alarmieren. Die fing den Mann dann draußen ab. Das waren die Anlässe, eine neue Einschätzung der Sicherheitslage vorzunehmen und in der Folge zu beschließen, dass wir mehr machen müssen. Denn solche Vorfälle versetzen die Kolleginnen und Kollegen in Unruhe und da haben wir eine Verantwortung als Arbeitgebende.
Gibt es weitere bereits umgesetzte Maßnahmen?
Wir haben ein Security-Team angestellt. Außerdem wurden unter anderem Alarmierungssysteme mit Amoksignalton installiert und es gibt Taschenalarme für Beschäftigte im Außendienst. Wir haben auch die Gefährdungsbeurteilung aktualisiert und sind stärker hinterher, das auch jedes Jahr zu tun. Deeskalationstrainings bieten wir ebenfalls an. Das haben wir aber schon vor den genannten Vorfällen. Zusätzlich haben wir Aushänge in allen Bereichen mit Kundenkontakt, die nach innen und auch nach außen vermitteln: Das Thema Gewaltprävention ist uns wichtig! Dazu gehört auch die Grundsatzerklärung für das ganze Haus. Bei diesem Thema stehen wir Seite an Seite mit dem Personalrat.
Gewaltprävention in der Notfallmedizin
Viel zu oft sind Beschäftigte in ...
Es gibt also keine bestimmte Gruppe von Beschäftigten, die besonders in das Thema Gewaltprävention involviert ist – sondern alle sollen eingebunden werden?
Zumindest alle, die Kontakt zu Kundinnen und Kunden haben. Unser Archivar zum Beispiel ist von Gewalt eher weniger betroffen. Früher hatte man sich auf besonders emotionale Bereiche fokussiert, auf Rettungskräfte oder Baukontrolleurinnen und -kontrolleure. Aber auf einzelne Berufsgruppen konzentriert sich das Thema Gewalt schon lange nicht mehr. Meiner Meinung nach gibt es ein grundsätzliches Problem mit einer Entfremdung von manchen Bürgerinnen und Bürgern vom Staat und seinen Institutionen. Dem wollen wir mit entsprechender Kommunikation und Deeskalation entgegentreten.
Kommunikation ist ein ganz zentrales Thema, damit Gewaltprävention funktioniert. Wie werden im Landratsamt die Führungskräfte eingebunden, die Maßnahmen und Neuerungen ja oft an ihr Team kommunizieren müssen?
Sie sind die direkten Ansprechpersonen, etwa zu der Dienstanweisung, die wir zum Umgang mit Gewalt herausgegeben haben. Diese sieht auch vor, dass wir alles, was nach Straftat aussieht, zur Anzeige bringen. Die Aufgabe der Vorgesetzten ist es aber auch, Probleme abzufangen. Etwa, Betroffene von Gewalt aus einer Situation rauszunehmen oder zu schützen, falls eine Person Rachegelüste hat. Wir richten uns auch mit Schulungen direkt an die Führungskräfte, um sie für das Thema zu sensibilisieren.
Wie wichtig ist es, dass Sie als oberste Instanz des Landratsamts zum Thema aktiv und präsent sind?
Es ist sicher nicht schädlich, wenn ich zu diesem Thema starke Präsenz zeige. Gewaltprävention darf nach meiner Überzeugung kein Nischenthema oder „Mimimi“ sein, sondern ist eine wichtige Voraussetzung, damit wir als Behörde unsere Aufgaben erfüllen können. Die Fürsorgepflicht, die wir als Arbeitgeber haben, gebietet es, dass wir für ein sicheres Arbeitsumfeld sorgen. Dies ist auch ein Gebot der Klugheit: Wenn die Kolleginnen und Kollegen hier keine sicheren Grundbedingungen vorfinden und Sorge haben müssen, nicht sicher nach Hause zu kommen, bespuckt zu werden oder ähnliches, dann wartet der nächste Job überall.
Auch Menschen in hohen politischen Ämtern berichten vermehrt von Aggressionen oder Übergriffen. Sind Sie selbst auch betroffen oder gehen mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit oder zu öffentlichen Auftritten?
Wenn man eine Position innehat, in der man auch unbeliebte Entscheidungen treffen muss, dann gehört es dazu, dass Leute Ihnen die Meinung sagen. Einige kennen dabei keine Grenzen mehr. Dann gibt es öffentliche Unterstellungen und Anfeindungen oder auch verbale oder schriftliche Anwürfe, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Vorfälle wie diese zeigen, dass die Rahmenbedingungen krawalliger geworden sind.