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Führungskultur

Teilhabe am Arbeitsleben: Alle in einem Team

Unternehmen und Einrichtungen sollten die Voraussetzungen für eine Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Beeinträchtigungen schaffen. Dabei kommt es insbesondere auf die Führungskräfte an.

Geschrieben von: Jörn Käsebier

Datum: 07.09.2026

Teilhabe am Arbeitsleben: Alle in einem Team
Unabhängig von den eigenen Voraussetzungen sollte jeder Mensch die Chance bekommen, am Arbeitsleben teilzuhaben. © Getty Images/Heidi Becker

Zu Beginn braucht es manchmal etwas Anschwung: Laura Reyer gibt den Mädchen und Jungen im Braunschweiger Kindergarten „Heinrich der Löwe“ gern Starthilfe auf der Schaukel. Sie liest den Kindern auch vor und spielt mit ihnen. Damit Reyer im Kindergarten anfangen konnte, benötigte sie selbst zum Start Unterstützung. Als Person mit kognitiver Beeinträchtigung war sie nach der Schule in den Berufsbildungsbereich einer Behindertenwerkstatt gewechselt. Dort wollte sie aber nicht arbeiten. „In meinen Augen ist das langweilig. Ich wollte schon immer etwas mit Kindern machen“, sagt Laura Reyer. Erste Erfahrungen in der Betreuung hatte sie mit ihrer kleinen Schwester gesammelt. Ein Vorbild ist zudem ihre Mutter, die als Tagesmutter tätig war.

Über das Projekt „Inklusion in Kita-Teams“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Niedersachsen bot sich Laura Reyer die passende Gelegenheit. Das Projekt hat zum Ziel, Menschen mit Beeinträchtigungen, die in Werkstätten beschäftigt sind, für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit in Kitas zu qualifizieren. Dazu kooperieren Werkstätten mit Kitas. Gefördert wird das Projekt von der Aktion Mensch.

Erst praktische Erfahrung sammeln

Einer der Kooperationspartner ist der zum Träger Fröbel gehörende Kindergarten „Heinrich der Löwe“. „Für unsere Einrichtung hat das Projekt super gepasst. Wir haben auch Kinder mit Beeinträchtigungen, und ich habe mich sehr gefreut, für unsere Integrationskinder ein Vorbild ins Team zu bekommen“, sagt Julia Zimmermann, die den Kindergarten leitet. „Zugleich kann ich die Chancengleichheit fördern, was mir auch ein persönliches Anliegen ist.“

Julia Zimmermann trägt ein Kleid und hat eine Brille auf.
Julia Zimmermann, Leiterin des Kindergartens „Heinrich der Löwe“ in Braunschweig. © Fröbel e.V./Maik M. Zimmermann

Laura Reyer ist seit Oktober 2025 dabei. Mit Schnuppertagen, einem anschließenden Praktikum und Arbeitserprobungen sammelt sie Erfahrungen in der Kita. Dabei bekommt sie vor Ort Unterstützung von einer Heilpädagogischen Fachkraft und vom Team der Erzieherinnen und Erzieher. Außerdem steht sie weiter in Kontakt mit ihrem Betreuer aus der Werkstatt. „Wir waren bereits ein recht diverses Team. Aber Laura hat das noch einmal bereichert. Und gerade in Zeiten von Fachkräftemangel bin ich über jede helfende Hand einfach superglücklich“, so Zimmermann.

Schwieriger Weg von der Werkstatt zur Teilhabe am Arbeitsleben

Das Projekt „Inklusion in Kita-Teams“ läuft bereits im zweiten Jahr. 15 Plätze stehen pro Jahrgang zur Verfügung. Zum Praxisteil in der Kita kommt eine Qualifizierung zur Kita-Assistenz, die eigens für das Projekt entwickelt wurde. Finanziert wird dies über das Budget für Arbeit – eine Eingliederungshilfe, die Menschen mit Beeinträchtigung den Übergang von der Werkstatt in den Ersten Arbeitsmarkt erleichtern soll. Bislang gelingt das nur selten. Laut Integrationsstatistik 2025 der Bundesagentur für Arbeit schaffen in Niedersachsen nur 0,66 Prozent der betroffenen Menschen jährlich den Übergang. Das Kita-Projekt soll dabei helfen, den Anteil zu erhöhen.

Laura Reyer geht mit einem Bücherstapel in der Hand durch den Garten der Kita. Sie trägt sommerliche Kleidung und hat eine Brille auf.
Laura Reyer ist in ihrem Kindergarten besonders für die Kinder mit Beeinträchtigung ein Vorbild. © Fröbel e.V./Maik M. Zimmermann

Laura Reyer hatte die Zeit mit den Kindern so viel Freude bereitet, dass sie im März 2026 auch mit der Qualifizierung startete. An der Akademie für Rehaberufe des Lebenshilfe Landesverbandes Niedersachsen besucht sie verschiedene Seminare, lernt beispielsweise die Grundlagen zur Zusammenarbeit im Kita-Team, für den Umgang mit Kindern und Eltern, aber auch zur Ersten Hilfe am Kind. Die Dozentinnen und Dozenten arbeiten für den Lehrgang als inklusives Tandem: Eine der beiden Personen hat also ebenfalls eine Beeinträchtigung und bringt diese Perspektive ein. Nach erfolgreicher Qualifizierung können die Kita-Assistenzen in einer Einrichtung mit dem Budget für Arbeit angestellt werden. Das Budget für Arbeit ist ein Lohnkostenzuschuss der Eingliederungshilfe. Sie erlaubt zudem bereits während der laufenden Qualifizierungsreihe eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung.

Führungskräfte als Vorbild

Inklusive Teams gibt es nicht nur in Kitas. Auch in der öffentlichen Verwaltung arbeiten viele Menschen mit Beeinträchtigungen. Doch noch immer gibt es Vorbehalte bei der Inklusion – oder sie wird nicht mitgedacht, wenn Stellen neu besetzt werden. Dabei sind Menschen mit Behinderungen im Durchschnitt besser qualifiziert, zeigt ein Arbeitsmarktbericht der Agentur für Arbeit vom April 2026.

Das Potenzial, Fachkräfte zu finden, ist entsprechend groß. Führungskräfte können helfen, es zu nutzen. „Am besten ist es, wenn Führungskräfte bereits beim Recruiting beteiligt sind“, sagt Jürgen Meß, DGUV-Experte für barrierefreie Arbeitsgestaltung. Die Führungskraft wisse, welche Tätigkeiten im konkreten Fall ausgeführt und gegebenenfalls angepasst werden müssen. „Ein klassisches Beispiel ist ein Rollstuhl. Es geht darum, nicht nur den eigentlichen Arbeitsplatz, sondern alle Bereiche, in denen sich Beschäftigte bewegen, zugänglich zu machen“, so Meß. Er rät, Fachleute wie die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder die Inklusionsämter frühzeitig einzubinden, um Barrieren abzubauen: „In diesem Zuge sollte die Gefährdungsbeurteilung herangezogen und wo nötig aktualisiert werden.“

Inklusion unter­stützende Stellen

Im Unternehmen/ der Einrichtung:

  • Betriebsärztin/Betriebsarzt
  • Fachkraft für Arbeits­sicherheit
  • Personalabteilung
  • Betriebsrat
  • ggf. Schwerbehinderten­vertretung

Beratungsstellen und Initiativen:

  • Zuständige Unfallkasse
  • Einheitliche Ansprechstellen
  • Integrations- und Inklusionsämter
  • Integrationsfachdienste
  • DGUV job

Informationen zu Fördermöglichkeiten gibt es bei der Aktion Mensch und den Integrationsämtern.

Vorgesetzte erleichtern Teilhabe am Arbeitsleben

Wie wichtig die Rolle der Führungskräfte ist, zeigt auch eine nicht repräsentative Umfrage der top eins. Bei dieser gaben 110 von 159 Teilnehmenden an, Vorgesetzte trügen entscheidend zur Inklusionsförderung bei. Damit Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Beeinträchtigungen gelingen kann, müssen jedoch auch die Teams einbezogen werden. Die Vorgesetzten haben dabei eine Schlüsselposition. „Führungskräfte müssen Inklusion aktiv vorleben und verankern“, sagt Dirk Lauterbach, Leiter der Geschäftsstelle Disability Management der DGUV Akademie. Dazu könne auch gehören, eigene Fehler und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen offen einzugestehen. „Das erleichtert es, Fehler schnell zu korrigieren“, so Lauterbach.

Wenn Beschäftigte eine Beeinträchtigung haben, gehen damit oft spezielle Bedarfe einher. Dazu kann gehören, Dokumente barrierefrei zu gestalten oder Besprechungen so zu organisieren, dass alle teilnehmen können: Sind die Besprechungsräume barrierefrei zugänglich, braucht es Untertitel oder Gebärdendolmetschende? Experte Meß nennt als weiteres Beispiel, dass es für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sinnvoll sein kann, von zu Hause aus zu arbeiten, wenn die Tätigkeiten eine hohe Konzentration voraussetzen. Wenn das der Fall ist, gehört es zu den Punkten, die Führungskräfte direkt mit den Betroffenen klären sollten. „Gerade wenn es um psychische Beeinträchtigungen geht, sind die Bedarfe oft individuell. Da hilft ein vertrauliches, offenes Gespräch“, sagt Meß. Was Menschen mit Beeinträchtigungen gegenüber Vorgesetzten preisgeben möchten, bleibt ihnen überlassen.

Checkliste: Inklusive Kommunikation

Je nach Behinderung spielen verschiedene Kriterien eine Rolle.

Kognitive Beeinträchtigungen: Kurze und einfache Sätze verwenden, schwierige Informationen wiederholen, auf Metaphern und Ironie verzichten

Hörbehinderungen: Blickkontakt halten fürs Absehen, deutlich mit sichtbaren Mundbewegungen sprechen (ohne zu schreien), Mund nicht verdecken, schriftliche Informationen ergänzend bereitstellen

Sehbehinderungen: Inhalte verbal beschreiben (wie im Telefonat), Dokumente so bereitstellen, dass sie mit Vorlesegerät oder -programm lesbar sind, bei Gesprächen in der Gruppe den Namen vor jedem Redebeitrag nennen

Psychische Beeinträchtigungen: klare Erwartungen formulieren, regelmäßige Gespräche und ein vertrauensvoller Umgang können hilfreich sein

Körperliche Behinderungen: Kommunikation in der Regel nicht anders gestalten, bei Bedarf organisatorische oder technische Barrieren beseitigen

Individuelle Lösung finden

Führungskräften hilft es jedoch zu wissen, welche Bedarfe es gibt. Dann können sie nicht nur auf diese eingehen, sondern auch ihr Team darauf vorbereiten. „Es muss allen klar sein, dass Menschen mit Behinderung nicht bevorzugt werden, sondern dass es sich dabei um einen Nachteilsausgleich handelt“, meint Meß. Zur Gleichbehandlung gehöre es, die für den jeweiligen Fall passende Lösung zu finden. Außerdem weist der Experte darauf hin, dass Menschen mit Beeinträchtigung meist ohne Probleme ein gutes Arbeitsergebnis lieferten. Vor allem, wenn sie die nötige Unterstützung bei der Arbeitsorganisation bekämen.

Zur Teilhabe am Arbeitsleben gehört, dass Führungskräfte ihre Kommunikation anpassen. Je nach Art der Behinderung gibt es unterschiedliche Empfehlungen von Betroffenenverbänden. „Am wichtigsten ist es, direkt mit der Person zu sprechen und nicht über die Begleitperson oder Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren. Alles andere ist respektlos“, betont Lauterbach.

Führungskräfte unterstützen

Unternehmen und Einrichtungen sollten ihre Führungskräfte mit den Themen Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben nicht alleinlassen. Sie sollten Weiterbildungen und Schulungen, die das notwendige Wissen zur Inklusion vermitteln, anbieten: Seminare zur Kommunikation, zu diskriminierungsfreiem Führen aber auch zu Fördermöglichkeiten. Zudem können sich Führungskräfte auch beraten lassen. Fachleute finden sie beispielsweise bei der zuständigen Unfallkasse oder einem Integrationsfachdienst.

Im Fall von Laura Reyer gab es die Beratung dank des Projektes „Inklusion in Kita-Teams“ bereits. ­Zusätzlich schuf der Paritätische Niedersachsen ein Netzwerk für alle beteiligten Institutionen und installierte einen Beirat, der mit seinem Know-how unterstützt. Laura Reyer hat die Qualifizierung zur Kita-Assistentin erfolgreich abgeschlossen. Ab Dezember wird sie das Team des Kindergartens dauerhaft verstärken.

Der Paritätische Niedersachsen baut darauf, dass in einem nächsten Schritt die Kita-Assistenz im „Niedersächsischen Gesetz über Kindertagesstätten und Kindertagespflege“ verankert wird, um die Beschäftigung der Menschen sowie die Qualifizierung nachhaltig fortsetzen zu können. Dann könnte das Inklusionsprojekt Schritt für Schritt auf das gesamte Bundesland ausgeweitet werden.

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