Glosse: Conny wichtelt
© Thomas Walloch
Glosse

Reich beschenkt

Bestseller-Autorin Constanze Kleis schlüpft für topeins in die Rolle von Hausmeisterin Conny. Sie betrachtet alltägliche Dinge der Arbeitswelt aus einem ganz speziellen Blickwinkel.

Das Leben ist unfair. Wie unfair, erlebe ich alle Jahre wieder beim Wichteln im Büro. Nach Windharfe, Hornhauthobel, einem Eiskratzer getarnt als Yeti-Tatze und einer Star-Wars-Backform, habe ich langsam das Gefühl, dass an meiner Wiege eine wirklich böse Fee stand und sagte: „Für dich nur Ramsch!“ Dabei machen wir in der Firma nicht mal Schrottwichteln: Also die Variante, bei der ein Geschenk maximal hässlich und nutzlos sein darf. Nein, wir alle sind angehalten, uns im Gegenwert von zehn Euro etwas „Hübsches“ zu überlegen. Funktioniert auch. Bei den anderen. Wer da wohl immer das fiese Zeug mitbringt? Und wie ist es überhaupt möglich, dass das hässlichste Geschenk von allen stets bei mir landet? Keine Ahnung. Leider auch nicht, wie man das Wichteln diplomatisch abstellt.

Diplomatie gefragt

Jedenfalls nicht, solange Frau Schmidt Vorsitzende und einziges Mitglied im Büroweihnachtsfeierkomitee ist. „Wichteln befeuert den Teamspirit mit dem Geist der Weihnacht“, sagt Frau Schmidt. So kämen die Kollegen wenigstens einmal im Jahr dazu, sich zu überlegen, wie man sich gegenseitig eine Freude macht. Nicht mal die gerahmte Spaßpostkarte mit dem Text „Immer munter und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt“, die ich letztes Jahr aus dem großen Gabensack zog, konnte Frau Schmidt davon überzeugen, dass mindestens einer hier in der Firma diese frohe Botschaft nicht verstanden hat. „Bloß ein Ausrutscher!“, behauptete sie und dass – 
neues Fest, neues Glück – ich dieses Jahr ganz bestimmt den Hauptgewinn ziehen werde.

Ramsch-Rachefeldzüge?

Kurz überlege ich, die Scheußlichkeiten, die mir bislang zugemutet wurden, nach und nach wieder in den Wichtelkreislauf einzuspeisen. Schon hatte ich den aufblasbaren Rollator (Wichteljahrgang 2016) schön verpackt, als mich die Erleuchtung traf: Ramsch-Rachefeldzüge sind so gar nicht weihnachtlich. Selbst wenn mein Wichtel-Karma mir dieses Jahr eine Einhorn-Duschhaube bescheren sollte – ich werde sie ohne Groll entgegennehmen. Denn das ist vielleicht das eigentliche Geschenk: Wichteln schult die Toleranz und stärkt die Nehmerqualitäten. Eigenschaften, die man gerade im Umgang mit den anderen gut gebrauchen kann. Insofern fühle ich mich dann doch sehr reich beschenkt.

Autorin: Constanze Kleis

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